Sammelkiste

Auf meinem beruflichem und privatem Weg begegnen mir ab und zu Texte, die ich hier teile.

Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber  
wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber  
die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber  
die ich kenne, will ich nicht mehr sehen aber  
wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber  
wo ich sterbe, da will ich nicht hin:  
Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin

1977

aus: [Thomas Brasch: _Kargo_](https://www.planetlyrik.de/thomas-brasch-kargo/2011/01/ "Thomas Brasch: Kargo auf planetlyrik.de"). Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1977.

Ich fasse zu, an, auf,
die Gelegenheit fasse ich
in Worte, ins Auge, in Verse, beim Schopf,
ich befasse mich, bin der Auffassung,
dass ich gefasst bin, auf alles gefasst.

Aber das ist nicht alles.

Es ist nur die Rohfassung.
Ich bewahre sie, fasse mich,
fasse mich kurz, in Geduld,
fasse Hass, Fuß, Zutrauen,
Essen, Mut, einen Vorsatz,
eine Brille, einen Entschluss.
Wie die Glühbirne ringe ich
nach Fassung, kann mich vor Freude,
vor Uberraschung kaum fassen.

Aber das ist nicht alles.

Manches entgeht mir, ich
schlüpft durch, es entzieht sich,
ist weg. Schon bin ich aus der Fassung
gebracht, kann mir kein Herz mehr,
keinen klaren Gedanken, lasse,
was nicht zu fassen ist, fallen,
falle, lasse mich fallen, alles,
was der Fall ist, lasse ich,
ein Fass ohne Boden, auf sich beruhn.


Aus dem Gedichtsband „Zukunftsmusik” von Hans Magnus Enzensberger



1
Ich gehe die Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren....Ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.

2
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am selben Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen. 

3
Ich gehe dieselbe Straße entlang,
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein.... – aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen, ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine eigene Schuld.
Ich komme sofort heraus. 

4
Ich gehe dieselbe Straße entlang,
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum. 

5
Ich gehe eine andere Straße.


von Sogyal Rinpoche
(Quelle: Das Tibetische Buch vom Leben und Sterben)



Glück und Unglück,
die rasch uns und überwältigend treffen,
sind sich im Anfang,
wie Hitze und Frost bei jäher Berührung,
kaum unterscheidbar nah.

Wie Meteore
aus überirdischer Ferne geschleudert,
ziehen sie leuchtend und drohend die Bahn
über unseren Häuptern.
Heimgesuchte stehen betroffen
vor den Trümmern
ihres alltäglichen, glanzlosen Daseins.

Groß und erhaben,
zerstörend, bezwingend,
hält Glück und Unglück,
erbeten und unerbeten,
festlichen Einzug
bei den erschütterten Menschen,
schmückt und umkleidet
die Heimgesuchten
mit Ernst und mit Weihe.

Glück ist voll Schauer,
Unglück voll Süße.
Ungeschieden scheint aus dem Ewigen
eins und das andre zu kommen.
Groß und schrecklich ist beides.

Menschen, ferne und nahe,
laufen herbei und schauen
und gaffen
halb neidisch, halb schaudernd,
ins Ungeheure,
wo das Überirdische,
segnend zugleich und vernichtend,
zum verwirrenden, unentrinnbaren,
irdischen Schauspiel sich stellt.
Was ist Glück? Was ist Unglück?

Erst die Zeit teilt beide.
Wenn das unfaßbar erregende, jähe Ereignis
sich zu ermüdend quälender Dauer wandelt,
wenn die langsam schleichende Stunde des Tages
erst des Unglücks wahre Gestalt uns enthüllt,
dann wenden die Meisten,
überdrüssig der Eintönigkeit
des altgewordenen Unglücks,
enttäuscht und gelangweilt sich ab.

Das ist die Stunde der Treue,
die Stunde der Mutter und der Geliebten,
die Stunde des Freundes und Bruders.
Treue verklärt alles Unglück
und hüllt es leise
in milden,
überirdischen Glanz.

Dietrich Bonhoeffer, 1944